Beiträge vom Juni, 2010

Das Auto aus poetologischer Sicht

Dienstag, 29. Juni 2010 14:30

Das Auto ist ein Wunderding,
es bringt dich von B nach A.
Blöderweise fährst du auch,
wenn du gar nichts wolltest da.

Da du nun einmal dort bist,
zerbrichst du fast am Glück.
Auch wenn’s völlig sinnlos ist,
fährst einfach du zurück.

Jetzt bist du völlig kirre,
bist in B statt A.
Noch einmal gibst du Gas wie irre,
der Tank ist leer, na ja…

P.S. Das Gedicht leidet an einer fast gewaltsamen Popularität und hat keinerlei gesellschaftliche Aussage. Ein Hybridantrieb würde etwas Spannung in die Geschichte bringen, der aber aus dramaturgischer Sicht Unsinn ist. Die Zeilen sind daher, verstärkt durch ihren konservativen Charakter, für den Klassenkampf völlig ungeeignet. Das Gedicht geht in Wirklichkeit natürlich weiter, doch im Grunde genommen wird klar, worauf es hinausläuft: Diese Hin- und Herfahrerei für jeden gestandenen Autofahrer ebenso sinnlos wie uninteressant. Außerdem ist es eine echte Zumutung für jeden Poeten, ernsthaft ein Wort zu finden, welches sich exakt auf ADAC reimt. Von Polizeistreife ganz zu schweigen…

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Die menschliche Seele aus poetologischer Sicht

Dienstag, 29. Juni 2010 14:04

Die Seele ist so unergründlich,
wie sauber extrahierte DNA.
Doch diese Gene sagen nicht,
warum jenes oder dies geschah.

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Der Dichter aus poetologischer Sicht

Dienstag, 29. Juni 2010 13:55

Der Dichter ist ein Fragezeichen,
welches wandelt durch die Welt.
Er sucht ständig zu vergleichen,
was er für noch würdiger hält.

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Die Politik aus poetologischer Sicht

Dienstag, 29. Juni 2010 13:47

Eine Bauernregel nun bestimmt,
warum das Volk ist so verdrossen:
‚Wenn die Schweine fett sind,
dann werden sie genossen.‘

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Der Text aus poetologischer Sicht

Dienstag, 29. Juni 2010 13:16

Der Quelltext läss sich übersetzen,
so dass ein Rechner ihn versteht.
Auch du kannst dein Gehirn zerfetzen,
und Compiler sein. Es geht!

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Die Liebe aus poetologischer Sicht

Dienstag, 29. Juni 2010 12:44

Den Liebsten sagen, dass man dichtet,
ja sich sogar nach Höherem richtet,
ist schrecklich, wenn sie dann erfahren,
sie zwar Anlass, doch nicht Inhalt waren!

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Der Tod aus poetologischer Sicht

Dienstag, 29. Juni 2010 12:06

Ich wollt schon immer die Antarktis seh’n,
es ging schief, wie alle Träume meist.
Macht’s gut, hab die Türe offen lassen stehn!
(Autor nach Diktat vereist.)

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Geben und Nehmen, Haben und Sein

Dienstag, 29. Juni 2010 11:35

Die Liebe wird gegeben
der Abschied wird genommen.
Haben darf ich Seinen Segen,
nur das Sein macht mich benommen.

Du wirst mir etwas geben,
beraubst mich meiner Seligkeit,
da hab ich was dagegen,
geb’s zurück und hab die Ewigkeit.

Die nun zahl ich ein auf’s Konto,
und lebe in den Tag hinein.
Manchmal schreibt die Bank mir Briefe,
‚Sie werden immer Kunde sein!‘

Sieht so aus, als wär die Liebe,
die ich hätte geben solln,
kapitalisiert im Kriege,
und fange langsam an zu schmolln.

Ist es denkbar, hier und jetzt,
dass heiß gelebter Pazifismus,
an der großen, weiten Welt zerfetzt,
bezeichnet nun als Realismus?

Sieht so aus, als wär der Hass
auf Regierung und den Staat,
ein wütend überlaufend Faß,
eines Träumers verblühende Saat.

Doch wenn wir nicht mal träumen dürfen,
wie kann man dann den Mensch bewerben?
Hoffnung ist nicht als Gold zu schürfen,
und Ewigkeit, die kann nicht sterben.

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Heiterkeit auf der Meta-Ebene

Sonntag, 27. Juni 2010 22:34

Lebensmittig trifft dich der Schlag,
‚Du bist allein auf dieser Welt!‘
Die allerdings nicht retten müssen
dem Erkenntnisopfer dann gefällt.

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Das Geheimnis deutscher Fernseh-Drehbücher

Sonntag, 27. Juni 2010 22:18

I. Eröffnung (Exposition)
„Es ist nicht das, wonach es aussieht!“ schrie der Maler seiner strohblonden Geliebten verzweifelt aus dem Atelier entgegen, als sie ihn in flagranti mit seinem abstrakten Gemälde überrascht. „Ich bin blind.“ beruhigt sie ihn. „Aber das heißt natürlich nicht, dass du ein großer Künstler bist.“ Sekunden später wälzen sie sich nackt auf dem Boden. (Der künstlerische Anspruch wird schon hier durch ein gelungenes visuelles Gleichnis untermauert, nämlich die strukturelle Ähnlichkeit von verrührten Farben und einander sich vermischender Schamhaare.)
Die Liebesschreie des Paares gellen durch das offene Fenster auf den dunklen Hinterhof, denen die Kamera samt Mikrofon solange hinterherfährt, bis sie zwischen den Mülltonnen einen Toten zeigt, von dem man nicht weiß, ob es sich um einen Obdachlosen oder das Vorstandsmitglied einer großen deutschen Bank handelt.

II. Hauptteil (Drama, Konflikt)
Dafür ist Minuten später die von der Kamera alarmierte Kommissarin da, die eben noch auf einer Kinderstation eines Krankenhauses Märchen vorlas. Ihr männlicher Assistent verspätet sich, weil ihm etwas „sehr Menschliches“ passiert ist, worüber er nicht reden will. Das macht ihn verdächtig, aber auch den Maler. Die Geliebte des Malers behauptet steif und fest, nichts gesehen zu haben; die Ermittlungscrew benötigt zwanzig Filmminuten, um herauszufinden, warum. An sechs völlig verschiedenen Drehorten fahren jedes Mal rein zufällig ein weißer Käfer, ein grüner Golf 1 und dasselbe ockerfarbene Taxi vorbei, was Kriminalisten eigentlich stutzig machen sollte. Doch sie sind abgelenkt durch einen anonymen Brief, in dem eine offenbar geistig verwirrte Redakteurin behauptet, das Drehbuch des gerade ausgestrahlten Film selbst geschrieben zu haben und daher den Mörder und seine Motive zu kennen. Zu allem Überfluss tritt nun auch noch eines dieser obligatorisch-lebensfrohen Kinder auf und sagt etwas derart dämlich Altkluges, dass alle Erwachsene sprachlos betroffen sind und sich für eine bessere Welt ohne Tote einsetzen wollen.
Diese überraschende Wendung hat es in sich, denn nun wird klar: Es geht um Kinderlosigkeit, alle Hauptdarsteller mit Abitur dürfen nun etwas von Zukunft oder Hoffnung faseln. Schließlich stellt sich heraus, das sämtliche an der Handlung beteiligten Personen mehr oder weniger direkte verwandtschaftliche, sexuelle oder geschäftliche Beziehungen zu dem Toten haben, aber eben leider auch ein Alibi. Der Kameramann des Fernsehfilms hat keines und wird sofort verhaftet, denn er ist sowohl Drogendealer, als auch ehemaliger RAF-Terrorist und Stasi-Mann. Außerdem hat er radioaktiven Sondermüll vergraben, den er auf einer russischen Internetseite ersteigert hat. Der Tote dagegen war tatsächlich Vorstandsmitglied, dann obdachlos und nach einer Umschulung schließlich Reporter, er hat alles über den scheinheiligen Kameramann heraus bekommen. Deswegen musste er sterben.

III. Finale (Auflösung)
Da der Kameramann nun einsitzt, wird die Schluss-Sequenz vom Regisseur mit einer Handkamera gefilmt, was sehr authentisch wirkt und die Figuren glaubhafter macht. Der Assistent der Kommissarin beginnt eine Affäre mit dem Maler, was der Geliebten im wahrsten Sinne des Wortes „die Augen öffnet“. Sie kann nun wieder sehen und verklagt ihren Ex wegen Vergewaltigung. Die Schluss-Szene selbst handelt vom Besuch der alten Mutter der Kommissarin, die ihrer Tochter vorwirft, erstens heimlich zu rauchen und zweitens sich nicht gegen die Männer, sondern ihrer Mutter gegenüber emanzipieren zu wollen! Das hätte diese nicht verdient, sie bekommt einen Herzanfall. In der Schluss-Szene liest die Kommissarin ihrer Mutter am Krankenhausbett aus einem Märchenbuch vor, als dieses Kind von vorhin um Mitternacht und handlungstechnisch völlig sinnlos Blumen vorbeibringt, um noch ein paar Lebensweisheiten aus seinem Lesebuch beizusteuern.

IV. Kritik (Bewertung)
Abwechlungsreicher Streifen mit überraschenden Handlungssträngen, der durch seine überaus gekonnte Hausfrauisierung des Krimigenres überrascht. Das Geheimnis des Films ist seine didaktische Reduktion, die den Stoff dem Erwartungshorizont des Fernsehkonsumenten beängstigend präzise anpasst. Der Zuschauer, für den das Fernsehen sein persönliches Einwohnermeldeamt darstellt, wird so intellektuell nicht überfordert.

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